Am Freitag war ich am SoCraTes Day Switzerland im Technopark Zürich. Eintages-Unconference, kein festes Programm. Am Morgen stellen sich die Leute hin, schreiben ihr Thema auf einen gelben Zettel und kleben ihn in ein Raster aus Räumen und Zeitfenstern. Danach läuft der Tag genau so, wie das Raster aussieht.

Die Räume hiessen Fortran, Newton 1008, Newton 1010 und dazu drei Sitzungszimmer. Neben jedem Raumnamen stand die Kapazität, 60 im grössten, 8 in den kleinsten. Das ist die ganze Organisation, und sie funktioniert erstaunlich gut.

Fast alles auf dem Board war KI

Die erste Session des Tages, im grössten Raum, hiess "We'll all be stupid. The dark side of AI". Danach kamen "Why does my AI forget?", "AI-Skills, what are they?", "Risks with AI Coding", "Factors for Successful AI Coding", "Wise Token Use", "AI Guidelines und Governance in der Firma" und "What do you do with LLMs/AI? + P(Doom)".

Das Board am Nachmittag. Fast jeder Zettel hat KI im Titel.
Das Board am Nachmittag. Fast jeder Zettel hat KI im Titel.

Dazwischen hingen ein paar Zettel ohne KI. Self-hosting. Cool Cloud Services. Wie komme ich in Embedded und Elektronik rein. Und ganz unten rechts, im letzten Zeitfenster, klebte einer, auf dem nur ein einziges Wort stand. Nostalgia. Direkt daneben einer über Ensemble Programming von Hand, mit fast keinem Tooling.

Ich sage das ohne Wertung, es war einfach so. Von allem, was an diesem Tag freiwillig aufgehängt wurde, ging die grosse Mehrheit um KI.

Die Session über Software, die es nicht mehr gibt

Und dann gab es die Session hinter diesem einen Wort. Kein technisches Ziel, keine Folien, nur eine Gruppe Leute, die über Software geredet haben, die es nicht mehr gibt.

DC++. ICQ. Skype in der alten Form. Die ganzen Peer-to-Peer-Programme, mit denen halb meine Generation aufgewachsen ist. Jeder hat erzählt, womit er selbst angefangen hat und wie anders Entwicklung damals aussah.

Ich habe erwähnt, dass eine HTML-Tabelle von Hand zu bauen für mich mal eine Leistung war. Heute macht das kaum noch jemand manuell, und wenn doch, schreibt die KI sie in zwei Sekunden hin.

Wir waren uns ziemlich einig, dass wir die Zeit vermissen, in der alles einfacher war und sich nicht so schnell weiterentwickelt hat. Gleichzeitig ging es viel darum, wie unsere alten Probleme heute einfach mit KI gelöst werden. Dabei kam auch raus, dass Reverse Engineering in den Nutzungsbedingungen der grossen LLMs ausdrücklich verboten ist. Das wusste ich vorher nicht.

Keine Ahnung, ob diese Session irgendetwas produziert hat. Es war die wärmste Session des Tages.

Scaffolding oder Offloading

In einer anderen Session ging es dann um genau die Frage, die in der Nostalgierunde nur mitgeschwungen hat. Was macht dieses Werkzeug mit uns, wenn wir damit lernen.

Auf den Folien lag ein Paper von Liu et al., "Tool, tutor, or crutch?", erschienen im März 2026 im International Journal of STEM Education. Darin sind zwei Schleifen gezeichnet, und der Unterschied zwischen ihnen ist die ganze Geschichte.

Zwei Schleifen, oben Scaffolding, unten Offloading.
Zwei Schleifen, oben Scaffolding, unten Offloading.

In der ersten Schleife fragt man die KI nach dem Warum und dem Wie, prüft die Antwort, baut sie um, integriert sie. Am Ende steht Domain Mastery.

In der zweiten delegiert man nur noch. Code generieren lassen, unkritisch übernehmen, weiter. Das Paper nennt das die Illusion eines Dialogs und die Falle des Experten, und am Ende dieser Schleife steht Tool Mastery und, wörtlich, metakognitive Atrophie. Der Mechanismus dazwischen ist simpel, man überspringt den productive struggle.

Dazu kam eine Folie mit den desirable difficulties von Bjork und Bjork aus 2011. Spacing schlägt Cramming, Interleaving schlägt Blocking, sich selbst testen schlägt nochmal lesen. Leistung ist nicht dasselbe wie Lernen, und wir bevorzugen fast immer die Methode, die sich im Moment besser anfühlt und weniger bringt.

Die eigene Zusammenfassung am Ende der Session.
Die eigene Zusammenfassung am Ende der Session.

Die Zusammenfassung im Talk war ehrlich. LLMs können Lernen unterstützen und verhindern, und für die Frage, wie man richtig mit ihnen umgeht, gibt es bisher keine genauen Antworten.

Auf dem Board hing derselbe Gedanke, handgeschrieben und ohne Fussnoten, als Titel der ersten Session des Tages. We'll all be stupid.

Cloud-Geschichten, und was ich selbst erzählt habe

Eine der wenigen Sessions ohne KI im Titel hiess Cool Cloud Services. Übrig geblieben ist ein Flipchart voller Dienste, sortiert nach AWS, GCP, Azure und Others, von Lambda und Pub/Sub bis Hetzner, Supabase, Neon und OVH.

Das Ergebnis der Cloud-Session.
Das Ergebnis der Cloud-Session.

Den grössten Teil des Tages habe ich aber nicht in Sessions verbracht, sondern in Gesprächen auf dem Gang, über AWS, Infomaniak und OpenStack, mit wem auch immer gerade Lust darauf hatte. Kein Vortrag, keine Folien, einfach erzählen, was bei mir funktioniert und was nicht.

Am meisten hängen geblieben ist ein Gespräch mit Marc Dürst von Galaxus. Keine Ahnung mehr, wie viele Sessions ich dafür ausgelassen habe, und es war es wert.

Mit Marc Dürst von Galaxus.
Mit Marc Dürst von Galaxus.

Das T-Shirt

Ich bin im easylearn-T-Shirt hingegangen, mit einem Namensschild, auf dem nur "Dmytro" stand. Noch bevor ich mich vorgestellt hatte, fragte mich jemand, was easylearn eigentlich macht.

Das Fähnchen hat den Tag über mehrere Räume gesehen.
Das Fähnchen hat den Tag über mehrere Räume gesehen.

Dazu kam ein kleines Papierfähnchen mit dem easylearn-Logo, das ich für Fotos an verschiedenen Ecken des Gebäudes aufgestellt habe. Wo genau der Scherz aufhört und echtes Marketing anfängt, weiss ich selbst nicht mehr. Aber wenn dadurch auch nur ein Chef irgendwo auf die Idee kommt, Kunde zu werden, hat sich der ganze Aufwand gelohnt.

Wer auch dort war und den Tag anders in Erinnerung hat, schreib mir.